Der kleine DDR-Kuchen - LVZ

Der kleine DDR-Kuchen
Georg Milbradt diskutiert mit Schülern im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig

Unter dieser Überschrift schreibt Herr Armin Görtz in der Leipziger Volkszeitung vom
15. Januar 2008 folgenden Artikel:

"Leipzig. Von wegen, Schüler hätten keine Ahnung von der DDR: Jessica Drechsel weiß auf Anhieb, dass am 13. August 1961 die Mauer gebaut wurde.

Ricky Burzlaff kann das Kürzel FDJ erklären und schwächelt erst bei der Frage nach Erich Mielke. „Ich habe den Namen schon mal gehört“, grübelt der 16-Jährige. Auch Esther Lintzel kapituliert letztlich bei einst mächtigen Politbürokraten. Willi Stoph und Egon Krenz sind für sie kein Begriff mehr.

 

Die Klasse 10/1 des Leipziger Wilhelm-Ostwald-Gymnasiums lässt sich am gestrigen Morgen vom Zeitungsmenschen im Foyer ein wenig auf den Zahn fühlen, bevor Sachsens Regierungschef dazustößt. An seiner Seite besichtigen die Jugendlichen die seit Oktober neu gestaltete Dauerausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig.
Georg Milbradt konnte nicht zur Eröffnung jener Schau „Diktatur und Widerstand in der DDR“ kommen, hatte aber vorgeschlagen, den Rundgang gemeinsam mit Schülern nachzuholen. Nun ist für qualifizierte Begleitung des CDU-Politikers gesorgt: Die Gymnasiasten haben erst kürzlich unter Anleitung des Zeitgeschichtlichen Forums Projekttage zum Thema absolviert.
Anfangs versucht Museumspädagogin Bettina Altendorf vergeblich, Brücken zwischen dem 62-Jährigen und der Enkelgeneration zu schlagen. Zur Frage, wie er als Schüler den Mauerbau empfunden habe, fällt dem gebürtigen Sauerländer nichts sonderlich Mitreißendes ein, doch als es um die sozialistische Wirtschaft geht, erreicht er ein Terrain, auf dem er bestens Bescheid weiß. „Das System war nicht in der Lage, effizient zu arbeiten, es gab immer Knappheiten“, erläutert der studierte Volkswirt, spricht über winterliche Stromausfälle und sommerliche Ernteschlachten. Der Westexport habe auf Lohnsubventionierung beruht, und am Ende seien „70 bis 80 Prozent der Industrie nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen“. Der Staat habe sich immer stärker verschuldet, „immer mehr aus der Substanz gelebt“. Vor einem Schaufenster mit einem exquisiten Handtäschchen für 250 DDR-Mark erklärt Milbradt die Relation zu den seinerzeit mickrigen Gehältern. Beim Pfund Kaffee aus dem Intershop für 9,50 West-Mark weist er auf den gängigen Umtauschkurs von 1:4 hin.
Seit Eröffnung des Leipziger Geschichtshauses 1999 geht es mit den Besucherzahlen stetig bergauf. 187 000 kamen im vergangenen Jahr, darunter 17 000 Schüler, die an Gruppenveranstaltungen teilnahmen. Angebote zur Lehrerfortbildung sind gleichfalls gefragt – auch bei gelernten DDR-Pädagogen, die das Diktatur-Thema nach 1989 nicht selten als für sie heikel empfunden hatten. Dagmar Kappel vom Wilhelm-Ostwald-Gymnasium sieht das indes entspannt. „Ich hatte damit kein Problem“, erzählt die 42-Jährige. Zwar sei sie seit 1988 im Dienst, habe aber anfangs weit mehr Sport als Geschichte unterrichtet.
Das Haus stößt auch auf Skepsis. Einer der Schüler erzählt von einem Streit mit seinem Vater, der die Präsentation für zu negativ hält. Auch in der Klasse driften die Meinungen auseinander. Während Ricky Burzlaff die kritische Ausstellung lobt, hebt Michael Richter nach dem Rundgang hervor, dass die DDR doch von 1949 bis 1989 „gewaltige Fortschritte“ gemacht habe. Der Regierungschef nimmt sich fast zwei Stunden Zeit, und im Gespräch nach dem Rundgang gehen die Schüler aus sich heraus. „Mich hat ein bisschen verwundert, dass alles sehr negativ dargestellt wird“, erklärt Marianne Wenzel. „Es muss ja auch etwas Positives gegeben haben, sonst hätte sich die DDR nicht so lange gehalten.“
Rainer Eckert (SPD) kontert als Direktor des Hauses, das Positive an der Diktatur sei der Widerstand gewesen. Milbradt erklärt indes, man müsse zwei Dinge auseinander halten: Das Bemühen der Menschen, sich den Alltag glücklich zu gestalten, und den wachsenden Rückstand zum Westen. Der Kuchen des Wohlstandes sei in der DDR kleiner gewesen als heute, aber gleichmäßiger verteilt worden. Viele würden dies im Rückblick als besser empfinden. Und auch die Freiheit sei nicht allen gleich wichtig, erläutert der Politiker. Manche fänden es in Ordnung, wenn ein für sie sorgender Staat ihnen Entscheidungen abnähme. „Da gibt es keine endgültigen Wahrheiten. Jeder Mensch wägt das für sich selbst ab.“

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